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Buch Flirten Mit Gott

Buch Flirten Mit Gott

von · 14.06.2017

Es hat sich weit fortentwickelt von seinen Ursprüngen. Denn Jesus, der Gründer, war durchdrungen von nichts als Liebe und hat uns aufgetragen ihm zu folgen. Die "Salbung zu Betanien" Matth 26, zeigt diesen Triumpf der Liebe über die Moral, die die Jünger vertreten. Die Radikalität des Ansatzes kann gar nicht genug hervorgehoben werden: Der Eros feiert sich daher nicht nur an einzelnen Fest- und Feiertagen, sondern er durchdringt unser ganzes Dasein, unser Leben, das aus Körperlichkeit, Ego, Seele und Geist besteht.

Im Bewusstsein der Seele, wenn wir uns zuwenden, was wir noch alles sind, neben Körper, Wille und Habe, fühlen wir uns als Teil eines übergeordneten Ganzen. Wir empfinden unsere Verbundenheit mit allem Seienden, wir fühlen Gott in unserer Seele. Hier herrscht das Klima der Liebe. Wenn wir aber nicht auf die Kirche warten wollen: Quarch nennt folgende "b"-Worte: Wir müssen uns bezaubern lassen Gott zeigt sich im Schönen , uns begeistern v. Die tiefe Weisheit und Schönheit des Eros gehört also nach Quarch mitten ins Christentum und ins Leben.

Durch den Eros erstrahlen wir zu neuem Leben. Warum hat die Liebe im Alltag so wenig Chancen? Wenn Denken und Schrift an unseren Intellekt appellieren, wie kommt die Einsicht ins Herz und von dort wieder zurück in den Alltag? Die polnische Lyrikerin Szymborska hat einmal in einem Gedicht geschrieben: Hier — vor allem im Platonismus — habe ich eine integrale Deutung der Welt und des Lebens gefunden, die ganz im Zeichen gelingender, heiterer und ganzheitlicher Lebendigkeit steht und in deren Zentrum als wichtigste Kraft und Energie der Eros tanzt: Eros als ein innerer Antrieb, der uns dazu anspornt, unser Potenzial zu entfalten, Leben in Fülle zu bejahen und nichts Lebendiges zu unterdrücken.

Erotik ist in meinem Verständnis eine Beziehungsqualität. Bei alledem aber bleibt die Unverfügbarkeit des anderen gewahrt. Wo Eros waltet, bleiben das Geheimnis und die Andersartigkeit, das Fremde und Unverfügbare der Geliebten unangetastet. Das unterscheidet Erotik von Pornografie. In einem erotischen Verhältnis spielen Verbergen und Enthüllen ineinander, in der Pornografie wird alles nackt in grelles Licht gezerrt. Da ist kein Platz für das Geheimnis, kein Platz für das Spiel.

Genau das aber braucht es nach meinem Verständnis in menschlichen Beziehungen, und ebenso in unserer Beziehung zum Heiligen. Mir schwebt eine dialogische Spiritualität vor, die sich dem Göttlichen in liebender Verbundenheit, dabei aber spielerischer Freiheit zuwendet — mit offenem Ausgang. Dafür scheint mir der Flirt eine passende Metapher zu sein: Wie kam es Ihrer Meinung nach zu der Abspaltung der Sinnlichkeit in der Kirche?

Das lässt sich relativ präzise rekonstruieren. Unter dem Einfluss des römischen Stoizismus meinte man damals, Sinnlichkeit, Sexualität, Erotik allenfalls als lästige Übel in Kauf nehmen zu müssen, da sie für die Fortpflanzung unentbehrlich sind. Diese rechtfertigende Funktion wollten einige führende christliche Theologen aber nicht mehr anerkennen, da nach ihrem Verständnis das Ende der Zeiten ohnehin anstehe und es deshalb keinen Sinn mehr habe, Kinder zu zeugen.

Vielmehr sei es geboten, sich in Keuschheit und Besitzlosigkeit auf das Himmelreich vorzubereiten. In diesem geistigen Klima vollzog sich das, was ich den theologischen Sündenfall nenne: Das zentrale Motiv der Verkündigung Jesu von Nazareth, die Liebe, wurde seiner erotischen und sinnlichen Komponenten beraubt. Sie wurde zu einer rationalen Tugend des Willens. Gilt das nicht auch für andere Religionen?

Vermutlich hängt das mit einer evolutionären Tendenz zusammen, die in allen Kulturen dazu geführt hat, dass sich Menschen stärker als Ego deuten und meinen, kraft ihres Wollens, Könnens und ihrer Macht nicht nur ihr Leben zu meistern, sondern auch zur spirituellen Vollendung zu gelangen. Eine erotische Leidenschaftlichkeit und Hingabe passt dazu schlecht. Sprachgeschichtlich lässt sich zeigen, dass Agape ursprünglich eine erotische Beziehung meinte.

Dadurch, dass sie von der westlichen Theologie zur moralischen Haltung der Caritas transformiert wurde, wurde sie bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Immer wieder kommt — egal in welcher Religion — sexueller Missbrauch vor. Selbst bei Yogalehrern, die nicht in einem monastischen Kontext leben, oder bei bekannten buddhistischen Lehrern ist Missbrauch von Schülerinnen immer wieder ein Thema.


Flirten mit Gott

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